Kindertagesstätten “Los Angelitos” und “El Arca de los Niños”

Quilmes, im Januar 2017

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.

Hesekiel 36,26

Das neue Jahr mit einem neuen Herzen zu beginnen – das wäre wunderbar! Ganz besonders, weil das vergangene Jahr 2016 so randvoll mit schwierigen Momenten, mit bangen Fragen, mit verwirrenden aber auch empörenden Regierungsäusserungen und –entscheidungen war, dass unsere Herzen wohl wirklich ein Stück weit versteint sind, wie es in dem Text weiter heisst, aus dem die Jahreslosung stammt. Wie sonst Zeiten überstehen, in denen wir in der Zerreissprobe zwischen der vielfältigen Verschlechterung der Lebensbedingungen und dem Ausbleiben von konstruktiven Regierungsmassnahmen Stand halten müssen?

Eine der mißlichsten Aspekte der Diskussion im „öffentlichen Raum“, sowohl den Medien als auch in aller Art von Gruppen: Arbeitskollegen, Freundeskreise usw. ist im letzten Jahr die Gehässigkeit geworden, mit der einander widersprechende Standpunkte nicht mehr inhaltlich-sachlich diskutiert werden konnten, sondern es nur noch einen Austausch von gegenseitigen Anschuldigungen gab. Gemeinweseneinrichtungen, zu denen ja auch unsere Kindertagesstätten gehören, mit denen wir an mehreren lokalen Foren beteiligt sind, und die eine Kooperation mit der vorherigen Kommunal- Provinz- und/oder Bundesregierung unterhielten, wurden/werden misstrauisch „a priori“ als der vorherigen Regierung verschrieben und deshalb feindlich angesehen. Dass die Zusammenarbeit mit uns und den zahlreichen, oft der katholischen Kirche nahen Einrichtungen eine große Chance für eine effizientere Sozialpolitik darstellt – das scheint nur ganz allmählich bei einigen Entscheidungsträgern als Möglichkeit erwogen zu werden. Und das auch nur bei denen, die ein ernsthaftes Interesse daran haben, wirklich etwas zu tun für die Verbesserung der Lebenssituation der zigtausend armen und ärmsten Familien allein im Bereich der Kommune Quilmes.

 

 

 Freilich, die Bundesregierung beginnt das Jahr 2017 mit der Neuauflage der Diskussion um die Herabsetzung der Strafmündigkeit von 16 auf 14 Jahren – wie ist die darin enthaltene Botschaft zu verstehen? Steckt hinter den „bevölkerungsnahen“ Gesten der Regierenden – von allen sozialen Netzen vervielfältigt - wirklich mehr als die Intention, keinen Sympathiepunkt zu verschenken? Wenn wir auf die nüchternen Wirtschaftsdaten blicken, ist es schwer, darauf eine andere Antwort als Nein zu finden.

Wie sieht es nun konkret bei uns zum Beginn des Jahres 2017 aus?

Vor Ort versuchen wir die Absicherung unserer Arbeit durch zwei Komponenten zu erreichen:

Die erste: Erhöhung des Zuschusses für Gehälter der Erzieherinnen in der Kinderarche auf 100 Prozent. Noch immer müssen wir monatlich rund 2.500 Euros aufbringen um nur diesen Teil der Gehaltsverpflichtungen abzudecken.

Wir haben Gespräche mit der zuständigen Schulrätin geführt und mit der Leitung der für unsere Region zuständigen Beauftragten. Wir haben die entsprechenden Unterlagen eingereicht. Wieder einmal ist es eine Frage des politischen Willens, ob dieser Antrag in Bewegung kommt – und unsere Verantwortung, alles zu tun, um das zu erreichen. Also haben wir den Bürgermeister zur Schuljahrsabschlussfeier eingeladen und er ist nicht nur gekommen, sondern hat auch versprochen, sich beim Landeserziehungsministerium für diesen Antrag einzusetzen. An uns ist es jetzt, ihn daran zu erinnern!

 

 

Die zweite: Schon Ende März groß angekündigt, wird allmählich ein „Plan zur Unterstützung der Frühen Kindheit“ umgesetzt. Konkret sollen damit schon bestehende Einrichtungen, die mit Kindern bis zu 4 Jahren arbeiten einen kleinen monatlichen Zuschuss erhalten. Mitte des Jahres haben wir die entsprechenden Anträge eingereicht. Am 10. Januar erhielten wir die Nachricht, dass in näherer Zukunft mit der Auszahlung der Beträge für die Kinderkrippe begonnen werden soll – für die Kindergartenabteilung wird es noch länger dauern... und die Anforderungen an monatlichem Bericht über jedes einzelne Kind sind hoch – wir werden Stück für Stück herausfinden müssen, wie wir das mit dem gegenwärtigen Personalstand bewältigen können – denn für mehr Arbeitsstunden reicht es nicht.

Während die Monate des letzten Jahres mit Antragstellen und Nachfassen verstrichen, war die Unterstützung aus unseren Partnergemeinden ausschlaggebend dafür, dass es bei uns Monat um Monat weitergehen konnte. Diese Unterstützung war so wichtig, dass es uns fast an Worten fehlt, um das an Sie alle so zum Ausdruck zu bringen, wie es tatsächlich den Umständen entspricht. Ohne die Kreativität und Solidarität, mit der Sie immer wieder Mittel für unsere Arbeit gesammelt haben, wären wir heute nicht in der Lage, uns auf das herannahende Arbeitsjahr vorzubereiten. Jede Mahlzeit, jedes Lachen, jeder entspannte Mittagsschlaf, jedes Spiel und jeder Wachstumsschritt jedes der 128 bei uns betreuten Kinder ist von Ihnen mit getragen worden. Von tiefstem Herzen danken wir für alle Ihre Unterstützung zu danken. Sie alle sind ein nicht wegzudenkender Teil unserer Kindertagesstätten.

 

 

„Los más pequeños son los más importantes” – Die Kleinsten, Schwächsten, Unbedeutendsten sind die Wichtigsten (Lukas 9,48) – ist unser Leitspruch auch 2016 gewesen. Um das Heranwachsen der Kleinsten zu begleiten, braucht es ein lebendiges Herz – und darum geht uns die Jahreslosung so nahe. Wir fühlen, dass wir uns um der Zukunft der Kinder willen nicht mit dem Versteinern unseres Empfindens, mit dem Resignieren angesichts so vieler Widrigkeiten abfinden können. Und gleichzeitig ist dies das Geschenk dieser Kinder und ihrer Familien an uns – dass wir nicht versteinern, empfindungslos, gleichgültig werden. Dieses Geschenk möchten wir mit Ihnen teilen!

Und natürlich kann ich diesen Brief nicht schließen ohne Sie zu bitten: Bleiben Sie auch im eben begonnenen Jahr ein Teil unserer Arbeit, die Kinder und ihre Familien brauchen Sie! Und lassen Sie uns darauf hoffen, dass über menschliche Vernunft und Berechnung hinaus dieses Jahr bei Ihnen und bei uns die Herzen erneuert und mehr Frieden unter uns bringt.

In herzlicher Verbundenheit

Ihre Claudia Lohff-Blatezky

Kontoverbindung unserer Kindertagesstätten in Deutschland:

Kontoinhaber Congregación Ev. Argentino-Germana Buenos Aires Sur, Kontonummer 643412 bei der Evangelischen BankeG, IBAN DE77 5206 0410 0006 4364 12 BIC GENODEF1EK1

Aus Quilmes Weihnachten 2016

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Elisabeth, Eduardo und Lucía bei Lucías Kindergarten-Abschlussfest

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Edith mit Kindern ihrer Gruppe im Garten des Gemeindegrundstücks

“Das Volk das im Finstern wandert, sieht ein großes Licht; über denen, die das Todesschattenland bewohnen, geht ein Licht auf.”

In diesem Jahr stand für uns die Adventszeit unter dem Gedanken: „Spuren der Hoffnung finden“.

Wir möchten hoffen - aber wie? Vier Frauen aus unseren Kindertagesstätten haben uns etwas über ihr Jahr 2016 und über die Quellen ihrer Hoffnung und ihres Beharrens mitgeteilt.

Aber auch für das Team der Mitarbeiterinnen war es ein Jahr mit besonders schwierigen Bedingungen. Heute kommen zwei von ihnen zu Wort. Sie gehören zwei verschiedenen Generationen an.

Elisabeth Schvemler kommt aus einer der russlanddeutschen Familien, die ursprünglich – vor 160 Jahren aus dem Wolgagebiet in die Provinz Entre Rios eingewandert sind und dort ganzen Dorfschaften ihre besondere Prägung gegeben haben. Ihre Großeltern sind dann auf der Suche nach besseren Verdienstmöglichkeiten vom Dorf in die Stadt Buenos Aires gezogen. Elisabeth ist 34 Jahre alt und lebt mit ihrem Partner Eduardo zusammen, der auch 34 ist und als Conserge in einem Hotel in Florencio Varela arbeitet. Beide sind die Eltern von Lucía, die am 22. Dezember 6 Jahre alt geworden ist.

„2016 war für mich ein wirklich schweres Jahr. Die ganze politische Landschaft ist so widersprüchlich und in vielfacher Hinsicht auch beängstigend. In diesem Jahr reicht unser Einkommen kaum für mehr als dazu, die einfachen Alltagsbedürfnisse zu befriedigen. Im Januar werden wir für zwei Wochen in Urlaub fahren, eine Freundin in einem Dorf in Córdoba nimmt uns auf. Für die Busfahrten dahin haben wir das ganze Jahr Stück für Stück gespart...

Ich finde, der allgemeine Stimmung ist insgesamt nicht nur vom wirtschaftlichen Rückschritt bestimmt, es ist mehr Aggressivität vorhanden, und die institutionelle Gewalt hat spürbar zugenommen. Ich wohne in Florencio Varela und fahre jeden Tag mindestens 50 Minuten mit dem Bus zur Arbeit. Oft hält die Polizei den Bus an, pickt sich die Jugendlichen heraus und zwingt sie, sich mit erhobenen Händen und gespreizten Beinen neben den Bus zu stellen, ihre Rucksäcke durchsuchen und sich selbst abklopfen zu lassen, einfach so. Das Ganze wird mit beleidigenden Sprüchen der Polizisten begleitet – früher gab es sowas nicht.

Auch in meiner Familie war es kein leichtes Jahr – erst wurde meine Mutter operiert, dann mein Vater. Keine schlimmen Sachen, aber doch bedrückend, bis klar ist, dass alles wieder gut wird. Meine Mutter passt viel auf Lucía auf, aber nach der Operation war sie über längere Zeit ziemlich niedergeschlagen, erst allmählich ist sie wieder etwas froher gestimmt.

Und wir hatten uns mit Edu im vorletzten Jahr in einen Kreditplan des Sozialministeriums für junge Paare eingeschrieben, um eine eigenes Häuschen zu bauen. Aber durch die Abwertung der argentinischen Währung durch die neue Regierung ist die Kreditsumme völlig unzureichend geworden, da blieb uns nichts anderes übrig als diesen Plan zu kündigen.

Was mir inmitten all dieser bedrückenden Bedingungen Kraft und Hoffnung zum Weitermachen gibt?

Zu allererst unsere Tochter Lucía! Mit ihr zusammen Dinge neu oder wieder zu entdecken ist meine tägliche Vitamindosis! Und dann meine Arbeit in der Kindertagesstätte. In diesem Jahr habe ich in der Gruppe der kleinsten gearbeitet und werde mit ihnen gemeinsam im nächsten Jahr in die Zweijährigengruppe „umziehen“. Mitzuerleben wie sich diese kleinen Menschenknospen dem Leben öffnen, gehen und sprechen lernen, ihre Umgebung erobern – das ist jeden Tag einfach wunderbar. Und das Teilen dieser Erlebnisse mit meinen Mitarbeiterinnen, dass wir uns gegenseitig in unseren Angelegenheiten austauschen, begleiten, einfach paar ein paar Mates auch Dampf ablassen können, auch das ist wichtig und gibt neue Kraft.

Für das neue Jahr wünsche ich mir, dass für die Kindertagesstätte eine bessere finanzielle Basis erlangt werden kann – und für meine Lucía, dass sie die neue Etappe – sie kommt in die erste Klasse – fröhlich beginnt und sich schnell in der Schule zurecht findet!“

Edith Orellana ist 53 Jahre alt und hat in diesem Jahr gemeinsam mit Elisabeth gearbeitet. Verheiratet mit Antoni, 64, der als Chefkoch ausgebildet ist, aber seit vielen Jahren schon in verschiedenen kommunalen Einrichtungen Fortbildungen für Jugendliche und Erwachsene in seinem Fach leitet. Gemeinsam haben sie eine Tochter, Eva, 23 Jahre alt, die vom Theaterspielen und anderen darstellenden Künsten begeistert ist, Jonglieren, Akrobatik und anderen Zirkuskünsten. Im nächsten Jahr möchte sie eine ernsthafte Ausbildung in Fach Theater beginnen.

„ Auch für mich und meine Familie war 2016 ein schweres Jahr. Der überall spürbare soziale Rückschritt ist sehr bedrückend. Dass wir wieder Situationen erleben wie vor über zwanzig Jahren, das hätte ich mir nicht vorstellen können. Die unverhüllte Übergabe von staatlichen Einrichtungen an private Konzerne; der Hass auf alles, was die armen oder wenig bemittelten Bevölkerungsgruppen durch die vorige Regierung an Zugang zu besseren Bedingungen in Ausbildung, im Gesundheitswesen bekommen hatten; die zum Teil haarsträubend reaktionären Äußerungen von Ministern und anderen Regierungsmitgliedern zu Genderfragen oder Vielfalt der Lebensformen sind niederschlagend und manchmal auch beängstigend...

Woher bekomme ich inmitten dieser Situation Hoffnung und die Energie zum Weitermachen?

Wahrscheinlich bin ich wirklich privilegiert, denn meine Arbeit erfüllt mich jeden Tag von Neuem mit Staunen und Fröhlichkeit! Mit den Kindern zu singen, zu tanzen, Bilder zu besehen und Worte zu lernen, ist einfach wunderbar. Der Enthusiasmus und die Faszination, mit der sie etwas Neues entdecken oder ausprobieren, das Vertrauen mit dem sie sich an uns Erzieherinnen wenden... Und auch die Beziehung mit ihren Eltern, besonders den Müttern, ist mir wichtig. Auch wenn es natürlich auch schwierige Tage gibt, sie in den Wechselfällen ihres Lebens ein Stück zu begleiten und uns gemeinsam am Aufwachsen ihrer Kinder zu freuen, ist noch ein Geschenk, das mir meine Arbeit täglich macht.

Und durch das Engagement meiner Tochter habe ich dieses Jahr etwas Neues für mich selbst entdeckt: Das „teatro comunitario“ (Laientheater, das sich mit den spezifischen Problemen eines Gemeinwesens auseinandersetzt). In der Gruppe sind alle möglichen Altersschichten vertreten. Dieses Jahr haben wir im Oktober sogar an dem bundesweiten Treffen von Gruppen aus allen Provinzen Argentiniens teilgenommen. An dieser Aktivität habe ich viel Freude und entdecke mich selbst in einem neuen Zusammenhang – das ist sehr bewegend und begeisternd!“

Aus Quilmes zum Advent 2016

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Jorgelina mit Antonella und den Zwillingen Ivan und Santiago

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Jorgelina vor 4 Jahren bei der großen Demonstration am 1. 11. 2012 gegen die Zahlungeinstellung bzw. enorme Verzögerung des Zuschusses aus dem Landessozialministerium – Ivan und Santiago waren auch mit dabei, allerdings in Jorgelinas Bauch. Den Stuhl hatten wir extra für sie mitgenommen...

“Das Volk das im Finstern wandert, sieht ein großes Licht; über denen, die das Todesschattenland bewohnen, geht ein Licht auf.”

In diesem Jahr steht für uns die Adventszeit unter dem Gedanken: „Spuren der Hoffnung finden“.

Wir möchten hoffen - aber wie? Die Frauen in unseren Kindertagesstätten leben in der Mehrzahl in unglaublich schwierigen Verhältnissen, bestimmt können sie uns etwas über die Quellen ihrer Hoffnung und ihres Beharrens sagen.

Jorgelina Perez ist Ihnen allen schon oft begegnet. Einige haben sie sogar einmal in ihrer Hütte besucht... Inzwischen wohnt sie nicht mehr dort, sondern im benachbarten Elendsviertel „Villa del Monte“. Und sie ist inzwischen 35 Jahre alt und Mutter von 6 Kindern: Rocío ist 14, Florencia 11, Agustina 9, Antonella 6 und die Zwillinge Santiago und Ivan werden an diesem 4. Adventssonntag vier Jahre alt. Alle haben die ersten Jahre ihres Lebens in unseren Kindertagesstätten verbracht, wie übrigens vor über 30 Jahren Jorgenlina selbst. Antonella war eines der Kinder, deren Entlassungsfeier am 24. November stattfand.

Jorgelina ist nach wie vor mit Fabian, 34, zusammen. Vor einigen Jahren ging es ihm gar nicht gut, er hatte begonnen Paco zu konsumieren, die Armutsdroge, aus Kokainabfällen gepanscht, schwer süchtig machend und in kurzer Zeit zu fast irreversiblen Gesundheitsschäden führend. Aber mit Hilfe von Jorgelina konnte er davon loskommen, „nur manchmal gibt‘s noch einen kleinen Ausrutscher...“ sagt sie.

Den Lebensunterhalt für ihre 8köpfige Familie verdienen Jorgelina und Fabian gemeinsam – er als Gelegenheitsarbeiter, Maurer und ähnliche Aufträge, Jorgelina seit Mitte letzten Jahres in einer Reinigungsfirma. „Seit ein paar Monaten bin ich richtig fest angestellt, mit Sozialabgaben, Krankenversicherung (obwohl die nicht besonders gut ist) und Kindergeld. Meine Arbeitszeit ist von 6 Uhr morgens bis 14 Uhr – das ist natürlich ziemlich früh, je nachdem wo meine Putzkolonne eingesetzt wird. Aber dafür habe ich den Nachmittag und Abend für die Familie. 5 Tage hintereinander arbeite ich, dann habe ich einen Tag frei. Ganz egal ob Wochenende oder welcher Tag, der Rhythmus ist dieser...“

Wie war das Jahr 2016 für Jorgelina?

„ Diese letzten zwölf Monat waren für uns viel schwieriger als wir dachten... alles ist so unwahrscheinlich viel teurer geworden. Ein T-Shirt, eine Jogginghose oder ein paar neue Turnschuhe – alles kostet so unglaublich viel, die Arbeitslöhne sind viel weniger gestiegen. Wenn ich etwas zum Anziehen für die Kinder kaufen muss, fahre ich nach Buenos Aires in eine Gegend, wo Konfektion für Einzelhandel verkauft wird – ich muss ja sowieso immer mehrere Teile kaufen, da bekomme ich dann schon den Großhandelspreis (die Fahrt dorthin dauert allerdings von Quilmes aus mindestens zwei Stunden).

Wir wohnen in einer Hütte, die nur zwei Räume hat. In dem einen schlafen die Kinder, den anderen haben wir unterteilt, um einen Schlafplatz für Fabian und mich zu haben, der andere Teil wird als Koch- und Essraum benutzt. Die drei ältesten Mädchen schlafen umschichtig bei meiner Schwiegermutter, sie hat eine Hütte ganz dicht bei uns und hilft mir überhaupt viel. Aber die Mädchen werden größer und brauchen einen kleinen eigenen Raum. Darum möchten wir auf unsere Hütte einen ersten Stock bauen, mit zwei Räumen und einem zweiten Bad. Wenn wir zu acht im Haus sind, gibt es oft ein Riesengerangel darum, wer das Bad benutzen darf... Die geplanten Räume sollen jeweils zwei der Mädchen zusammen bewohnen. Aber wir hatten riesiges Pech: gerade hatten wir die Träger für den Aufbau begonnen, als innerhalb von 3 Monaten erst unsere Wäscheschleuder durchbrannte, dann der Fernseher, unser elektrischer Tischgrill ( viele Familien benutzen so ein Gerät, weil sie keinen richtigen Backofen haben) und schließlich auch noch der Kühlschrank. Natürlich reichten unsere Rücklagen nur dazu, um gebrauchte Geräte zu kaufen – aber mit den Bauprojekten war es erstmal vorbei.

Dass unsere Kinder etwas mehr Platz haben, das ist so nötig und liegt mir sehr auf der Seele. Ich hoffe, dass wir im kommenden Jahr das Bauprojekt wieder aufnehmen und weiterführen können.

Dass meine Kinder alle gesund und fröhlich heranwachsen, das ist mein größter Wunsch, mein Motor und darauf hoffe ich, aber dafür arbeite ich auch! Die älteren Mädchen machen in verschiedenen Gruppen in einer Gemeinschaftseinrichtung hier in der Nähe mit – Musik, Spiel- und Bastelgruppen. Wenn ich sehe, wie viel Freude sie daran haben, geht mir das Herz auf. Ich selbst habe übrigens dort letztes Jahr meinen Sekundarschulabschluss gemacht! Und im nächsten Jahr möchte ich gerne beim Roten Kreuz eine Fortbildung als Röntgenassistentin machen. Der Kurs findet abends statt, das würde also gut passen. Mein Bruder Oscar hat gesagt, er will mich dabei ein wenig finanziell unterstützen, denn umsonst ist diese Ausbildung nicht. So viele Jahre habe ich außer den Kindern und wie den Lebensunterhalt zusammen zu bekommen an gar nichts anderes denken können – dass ich jetzt überhaupt an etwas für mich selber denken kann, gibt mir eine Menge Hoffnung und Kraft! Und zu wissen, dass ich auf die Kindertagesstätte zählen kann, auf das Zuhören, die Anteilnahme und auch Beratung durch die Erzieherinnen und alle Mitarbeiterinnen – auch das macht mir Mut, dass schon ein Licht für uns aufgehen wird. Wie wichtig diese Einrichtung für mich und meine Familie ist, das kann ich gar nicht in Worte fassen...

Aus Quilmes zum Advent 2016

Auf dem Foto vom Tage der Kindergarten-Entlassungsfeier, von links nach rechts: Julika (Freiwillige aus Deutschland), Andrea, Mario und Mara, Erzieherin Andrea und Leiterin Alejandra.

“Das Volk das im Finstern wandert, sieht ein großes Licht; über denen, die das Todesschattenland bewohnen, geht ein Licht auf.”

In diesem Jahr steht für uns die Adventszeit unter dem Gedanken: „Spuren der Hoffnung finden“.

Wir möchten hoffen - aber wie? Die Frauen in unseren Kindertagesstätten leben in der Mehrzahl in unglaublich schwierigen Verhältnissen, bestimmt können sie uns etwas über die Quellen ihrer Hoffnung und ihres Beharrens sagen.

Andrea Ortiz ist Krankenschwester und arbeitet in einem der kleinen Zentren, mit denen die Kommunalverwaltung ganz elementare, primäre Gesundheitsbetreuung in die Elendsviertel bringt. Immer wieder hat sie uns in diesem Jahr davon erzählt, wie es an allem fehlt: Verbandszeug, Spritzen, Medikamenten, und schließlich zunehmend an Ärzten – denn die Bezahlung ist schlecht und die Arbeitsbedingungen nicht sehr verlockend... in vielen dieser Stationen kommt kein Kinderarzt/ärztin, keine Gynäkologin mehr, praktische Ärzte nur wenige Stunden an einem oder zwei Tagen... die unweigerliche Folge ist, dass die Menschen bei Gesundheitsproblemen entscheiden müssen, sich bis zum städtischen Krankenhaus zu begeben – oder erstmal zu warten ob, die Beschwerden von alleine wieder verschwinden...

Andrea schreibt uns zum Dritten Adventssonntag:

„Mein Name ist Andrea, ich bin 36 Jahre alt, mein Partner heißt Mario, er arbeitet bei einer Speditionsfirma als Lastwagenfahrer. Wir sind relativ „alte“ Eltern, unsere einzige Tochter Mara ist jetzt 6 Jahre alt.

Für unsere Eltern und Großeltern war es eine ganz klare Sache: Im Leben muss man sich ernsthaft ein Ziel vornehmen, sich darauf konzentrieren und richtig anstrengen – das ist der Weg, um weiter zu kommen, etwas zu erreichen. Darüber haben sie gar nicht so viel geredet, es war kein Lehren mit Worten, das hätten sie gar nicht gekonnt. Sie haben einfach so gelebt und uns dadurch ihre Ideen und Werte weitergegeben: zum Leben gehört es, dass man sich ernsthaft für ein Ziel einsetzt.

Heute sind wir verstrickt in die verrückten Lebensbedingungen einer widersprüchlichen Welt: Zwar haben wir die Globalisierung, aber das bedeutet keineswegs mehr Gleichheit: wir leben inmitten von Millionen von Personen, denen eine angemessene Wohnung, eine vernünftige Erziehung und Ausbildung vorenthalten werden. Der Gedanke vom sozialen Aufstieg, der für unsere Großeltern und Eltern der Motor ihrer Anstrengungen war, ist zu einem unerreichbaren Traum für die meisten Menschen geworden.

Obwohl wir in – virtueller – Kommunikation fast ertrinken, gibt es weniger zu einer Umarmung, zum Beschützen ausgestreckte Hände – und dabei so viele Menschen, die sich danach sehnen.

In dieser Szenarium, nach einem unglaubliche schweren Jahr kommt nun der Monat Dezember, die Wochen vor Weihnachten... ein Monat des Wartens wie bei einer Schwangerschaft, auf das Neue und Unerwartete. So wie jedes Kind, das zur Welt kommt, uns wie mit einem Spiegel unsere eigene Hilflosigkeit und Bedürftigkeit vor Augen hält, aber auch die verborgenen Kräfte, die schlummernden Möglichkeiten. Für mich sind diese Wochen eine Zeit des inneren Saubermachens, ich versuche aufzuräumen mit den Unwahrheiten, dem Nachtragen, dem Aus der Haut Fahren. Ich versuche, mich mehr und bewusster auf die kleinen Wunder des Alltags zu konzentrieren: ein Regenbogen, ein Schmetterling – und ich versuche, auch Mara diese Dinge nahezubringen. Eine kleine Entdeckung, die mit Überraschung und Staunen füllt - ich bin sicher, dass darin Nahrung für die Seele liegt – und diese Nahrung muss nicht mit viel Geld bezahlt werden, sie ist für alle zugänglich. Ich möchte, dass Mara weiß, dass ihr die niemand wegnehmen kann!

Für mich ist dieses Innehalten, mich öffnen für die kleinen Momente der Überraschung und des Staunens, die Grundlage für alle Hoffnung für die Zukunft. Und meine Tochter Mara ist sicherlich die wichtigste Quelle solcher Momente der Hoffnung für mich und Mario: wenn sie erzählt, was sie in der Kindertagesstätte erlebt hat, uns voller Stolz zeigt, was sie gemalt oder gebastelt hat. Oder von einer schwierigen Situation in der Gruppe und wie sie sie gemeinsam gemeistert haben...

Ich komme aus einer sehr bescheidenen Familie und einem sehr armen Wohnviertel – das macht, dass ich jeden Tag empfinde, wie Gott mir die Möglichkeit schenkt, aus meinem eigenen Haus einen Ort der Liebe und des Respekts zu machen. Mein grösster Wunsch ist es, unsere Tochter weiter so fröhlich und neugierig heranwachsen zu sehen, dass sie sich entfalten kann und ihren eignen Weg finden und auch gehen kann.

Ich bin überzeugt davon: Gut zu Denken und zu Handeln ist eine ansteckende Kraft, die dasselbe auch in anderen wecken kann. Auch darauf beruht meine Hoffnung!

Aus Quilmes zum Advent 2016

“Das Volk das im Finstern wandert, sieht ein großes Licht; über denen, die das Todesschattenland bewohnen, geht ein Licht auf.”

In diesem Jahr steht für uns die Adventszeit unter dem Gedanken: „Spuren der Hoffnung finden“.

Wir möchten hoffen - aber wie? Die Frauen in unseren Kindertagesstätten leben in der Mehrzahl in unglaublich schwierigen Verhältnissen, bestimmt können sie uns etwas über die Quellen ihrer Hoffnung und ihres Beharrens sagen.

Zum Zweiten Adventssonntag erzählt uns Vanesa Aquino (auf dem Foto mit Sohn Benizio):

Ich wohne in der Villa del Monte (einem großen Elendsviertel in Quilmes) zusammen mit meiner Mutter, meinen drei jüngeren Geschwistern und meinen beiden Kindern, Die ältere ist Luz, 6 Jahre alt und geht in die erste Klasse der Primarschule. Mein Kleiner heißt Benizio und ist 2 Jahre alt, er gehört in der Kindertagesstätte bis zum Beginn des kommenden Jahres zur Babygruppe. Ich selbst bin 27 Jahre alt, . Meine Mutter ist 47 Jahre alt und arbeitet als Haushaltshilfe Mein Vater hat sich schon vor einigen Jahren von ihr getrennt, seitdem haben wir kaum Kontakt. Nach mir kommen zwei Brüder von 20 und 18 Jahren, und meine jüngste Schwester ist 9 Jahre alt, sie geht in die vierte Klasse der Primarschule. Das grosse Problem sind meine beiden Brüder, sie sind nach und nach in den Drogenkonsum gerutscht. Der Ältere von beiden ist schon zu gar nichts mehr zu gebrauchen, er arbeitet nichts, aber verlangt immer Geld von meiner Mutter und mir... oder er nimmt es einfach. Der jüngere hat eine Rehabilitation hinter sich und möchte die Schule wieder aufnehmen, wir hoffen so sehr, dass er sich von seinem Bruder nicht wieder davon abbringen lässt.

Zu unserem Lebensunterhalt versuche ich beizutragen, indem ich von montags bis freitags vormittags als ambulante Verkäuferin in der Fußgängerstraße im Zentrum von Quilmes Backwerk verkaufe – Medialunas (eine in Argentinien sehr verbreitete Art Croissons) und andere Kuchenteilchen. Am Wochenende arbeite ich in einem großen Outlet-Center an einem Wäschestand, von 9:00 morgens bis 21:00 abends an den Sonnabenden und Sonntagen. An diesen Tage passt meine Mutter oder meine kleine Schwester auf meine Kinder auf.

Weil diese beiden Arbeiten unoffiziell sind („schwarz“ d.h. keine Sozialversicherung usw) bekomme ich außerdem die staatliche Unterstützung für Kinder von unbemittelten Familien. Das sind pro Kind nicht ganz 900 Pesos (umgerechnet etwa 50 Euros). Außerdem versuche ich, von dem Vater von Luz und Benizio Alimente zu bekommen. Er ist Fußballspieler und als solcher fest angestellt. Die Sache mit den Alimenten läuft über das Gericht, das ist ziemlich umständlich. Aber ich war schon so weit, dass der Club bei dem er spielte, die amtliche Benachrichtigung bekommen sollte. Da wurde Jorge an einen Fußballclub in der Provinz San Luis verkauft - und seitdem habe ich überhaupt keinen Kontakt mehr mit ihm. Trotzdem werde ich nicht aufgeben, nur ist alles noch viel komplizierter von einer Provinz zur anderen.

Was gibt mir Hoffnung inmitten so vieler Schwierigkeiten?

Luz und Benizio sind mein Motor, ich brauche sie nur anzusehen oder an sie zu denken. Es soll ihnen so gut wie möglich gehen, das ist das Wichtigste, viel wichtiger als alles andere. Wenn es mir am Wochenende manchmal schwer fällt aufzustehen und für zwölf Stunden in den Outlet zu gehen, rufe ich mir ins Bewusstsein, was sie nötig brauchen – neue Schuhe oder Anziehsachen – da verschwindet die Müdigkeit gleich.

Und ich habe schon seit Jahren einen Traum: Ich möchte die Ausbildung als Krankenschwester machen. Letztes Jahr hatte ich schon alle Unterlagen gesammelt, um mich einzuschreiben, aber dann ging es doch nicht, weil niemand da war um auf Benizio aufzupassen – da hatte er noch keinen Platz in der Kindertagesstätte. Aber nächstes Jahr müsste es klappen, denn jetzt wird er ja 8 Stunden täglich betreut. Als Krankenschwester hätte ich viel bessere Einkommensmöglichkeiten... und die Arbeit interessiert mich wirklich. Ich freue mich darauf, dass mein Traum Wirklichkeit werden kann!

Gruss aus Quilmes an die Ev. Stephanusgemeinde Tübingen

Quilmes, November 2016

Liebe Freundinnen und Freunde unserer Kindertagesstätten,

in Namen der Familien und Mitarbeiterinnen unserer Einrichtungen möchte ich Sie zum Ende des Kirchenjahres aus der Ferne herzlich grüßen. Vor kurzem haben wir eine bedeutende Summe von Ihnen zur Unterstützung unserer Arbeit erhalten. Dafür möchten wir uns bei Ihnen allen bedanken und Ihnen sagen, wie unentbehrlich wichtig alles Interesse und Anteilnahme an unserer Situation ist, damit wir weiter bestehen können.

Dieses Weiterbestehen hat natürlich eine materielle Seite, ohne die es überhaupt nicht geht. Die Beteiligung der Stephanusgemeinde ist dabei ein ganz wichtiger Pfeiler. Aber über den materiellen Aspekt der Spenden sind sie gleichzeitig Zuwendung, Trost und Ansporn für uns, Mutmacher die uns neue Energie geben für unser Beharren bei den lokalen staatlichen Stellen, die Unterstützung unserer Arbeit auszuweiten. Für eine solche Ausweitung ist der Rahmen vorhanden, was uns davon trennt, ist behördlicher Trott – und politisches Desinteresse der verschiedenen Regierungsinstanzen.

Das möglichst gesunde Heranwachsen von Kindern aus armen Familien, die möglichst umfassende Förderung der in ihnen schlummernden Fähigkeiten sind unser Grundanliegen. Dass es dafür kaum eine Lobby gibt, dass die Entscheidungsträger nicht sehen (wollen), dass es sich dabei um eine wichtige Investition handelt, die mittelfristig – und gar nicht allzu lang hin - dem Gemeinwesen zu Gute kommt, das ist in diesem Jahr 2016 unter der nun schon nicht mehr ganz so neuen Regierung unser Hauptproblem. Und das macht Ihr Interesse und Mitmachen noch einmal wichtiger.

Dafür danken Ihnen die Kinder, Eltern, Mitarbeiterinnen und die ganze Gemeinde Quilmes. Es ist gut zu wissen, dass es Sie alle gibt!

Ihre Claudia Lohff-Blatezky

Kindertagesstätte “Los Angelitos” - Kindertagesstätte “El Arca de los Niños”

Monatsspruch September 2016:
Gott spricht: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.

Quilmes, nach dem 21. September 2016

Liebe Freundinnen und Freunde unserer Kindertagesstätten!

Am 21. September begehen wir hier in Argentinien den Frühlingsanfang “Día de la Primavera”. Zwar pflegt es bei uns in Quilmes nicht zu schneien und die Temperaturen fallen selten unter den Gefrierpunkt, aber die hohe Luftfeuchtigkeit, die ungenügenden Heizmöglichkeiten und die nur zu oft keineswegs regenfesten Hütten der Familien machen diesen Tag zu einem sehr ersehnten. Ganz besonders in diesem Jahr, in dem die kalten Tage frühzeitig begonnen haben und noch immer nicht endgültig aufhören wollen. Dementsprechend ist noch kein Ende mit den Atemwegserkrankungen bei Klein und Gross…

Der 21. September ist aber auch der Tag, an dem vor nunmehr 34 Jahren unsere Arbeit mit den Kindern und ihren Familien begonnen hat - und die Gelegenheit, an all die vielfältigen Herausforderungen, Erfolge, Erlebnisse und Situationen zu denken, die zur Geschichte dieser 34 Jahre gehören. Wenn wir heute die Enkelinnen und Enkel der Familien aus den 80er und 90er Jahren bei uns herumspringen sehen, können wir den Monatsspruch aus dem Buch Jeremia von Herzen nachsprechen.

Und das Gleiche gilt, wenn wir das Entstehen, Heranwachsen und sich Verdichten des Geflechts unserer partnerschaftlichen Beziehungen zurückverfolgen: in welchem Grade wir immer getragen worden sind von den zahllosen Gebeten, Gesten der Anteilnahme, der konkreten materiellen Unterstützung und den persönlichen Besuchen von Einzelpersonen und Gruppen! Nichts davon könnten wir “einfordern”, alles war und ist Geschenk, Gnade und immer wieder Stärkung, wenn bei uns die Wege holprig, steinig oder gar scheinbare Sackgassen sind.

Wenn ich Ihnen vom gegenwärtigen “Stand der Dinge” in unserer Arbeit berichten möchte, dann ist es gut, sich das vorher Ausgeführte zu vergegenwärtigen. Denn in den mehr als 9 Monaten seit dem Antritt der gegenwärtigen Regierung hat sich unsere Situation in keiner Weise verändert, geschweige denn verbessert.

Was sich im Laufe dieser Monate immer mehr in konkrete Maßnahmen und Regierungsentscheidungen umsetzt: Mit dem Wahlsieg und Regierungsantritt der Koalition “Cambiemos” haben die großen Kapitalblöcke quasi selbst die Regierung in die Hand genommen - alle wichtigen Ministerien, und entscheidenden Posten sind mit Personen besetzt, die in den Aufsichtsräten dieser Kapitalgruppen sitzen. Und dementsprechend sind die Linien der Wirtschaftspolitik: Abwertung der argentinischen Währung, Öffnung gegenüber Importen, Befriedigung der Forderungen der Hedgefonds, erneute Öffnung gegenüber den Maßgaben des Internationalen Währungsfonds; die Definierung Argentiniens als eines Rohstofflieferanten im globalen Wirtschaftsgefüge (das alte Modell aus der Zeit der Militärdiktatur vor 40 Jahren) und entsprechender Abbau der vom Staat vorangetriebenen Forschung und Entwicklung von Technologie…

Permanent werden auf allen Regierungsebenen Entscheidungen im Sinne der konservativsten Wirtschaftsmodelle getroffen - aber verpackt in eine Darstellung, die die kontinuierliche Verschlechterung der Lebensumstände von ca 2/3 der Bevölkerung beschreibt als "das verkaterte Aufwachen nach einer unverantwortlichen Dauerfete", "die bittere Medizin, die notwendig ist, damit es dann (wann???) wieder aufwärts gehen kann, aber auf solider Basis". Die schon längst von Wirtschaftswissenschaftlern entlarvte Inkonsistenz der neoliberalen Metapher von der "überlaufenden Schale" - d.h. wenn es gesamtwirtschaftlich einen Aufschwung gibt, läuft für alle etwas davon über - wird entstaubt und wieder als tolle Neuentdeckung verkündet. Und Monat um Monat fällt der interne Umsatz, weil die Mehrheit der Bevölkerung einfach kein Geld hat. Dazu kommt das neoliberale Abschaffen von Einfuhrbeschränkungen - Konsequenz: kleine und mittlere Betriebe schließen oder stehen vor dem Aus - noch mehr Arbeitsplätze gehen verloren. Noch weniger Konsum - eine böse Spirale. Zu diesem Thema habe ich einen kleinen Zeitungsartikel vom 15.9. übersetzt, der mit Zahlen die Entwicklung des Arbeitsplätzeabbaus dokumentiert.

Flankiert wird diese wirtschaftliche Entwicklung vom Abbau immer mehr sozialer Programme, sei es eines, mit dem junge Mediziner für zwei Jahre Einsätze in entlegenen Teilen des Landes machten und damit die für die Bevölkerung unentbehrliche minimale medizinische Primärversorgung gewährleisteten; seien es kulturelle Programme wie die Kinder- und Jugendorchester, mit denen in sozialen Brennpunkten den Kindern und Jugendlichen eine Alternative angeboten wurde, sich selbst gemeinsam mit anderen als kreatives Individuum zu erfahren; oder der “Plan Nacional de Lectura” mit dem in vielfachen Formen das Lesen in Familie, Schulen und in kleinen Dorfbibliotheken gefördert wurde.

Diese implizite-explizite Botschaft: Die sozial Schwächsten, Ärmsten sind nicht mehr wichtig (“Schluss mit der Dauerfete!”) hat eine weitere ernsthaft beunruhigende Folge: Den Sicherheitskräften (dh Bundes-, Landes- und lokale Polizei) wird signalisiert, dass diese Bevölkerungsschicht keinen besonderen Schutz von Seiten des Staates genießt (und ihn auch nicht verdient). Entsprechend häufen sich die Fälle von polizeilicher Gewalt - Einschüchterung, Misshandlung bis hin zum Phänomen des “Gatillo Fácil” = erst schießen, dann fragen, insbesondere gegenüber armer Jugendlicher.

Soviel zu dem Kontext, in dem wir in diesen Monaten versuchen unsere Arbeit aufrecht zu erhalten. Unsere bedrängte Lage hat sich seit Jahresbeginn um keinen Deut gebessert, wenn wir die unaufhaltsamen Preissteigerungen mit einbeziehen, verschlechtert sie sich immer nur noch mehr. Aber proportional wird die Arbeit unserer Kindertagesstätten auch wichtiger für die Familien, die wir begleiten. Seit 4 Wochen sind die neuen Freiwilligen bei uns, eine von ihnen sagte vor ein paar Tagen bei einem der regelmäßigen Treffen zur Begleitung der Eingangsphase "die Kinder essen zum Teil dreimal so viel wie ich, da muss es ja stimmen, dass sie zu Hause keine richtige Mahlzeit mehr bekommen".

Unsere Versuche, die Unterstützung durch staatliche Stellen nach Möglichkeit auszubauen, damit wir weiter bestehen können, haben keine Unterbrechung erfahren. Nur ist es bei soviel Wechseln und “Neuordnung” der einschlägigen Ministerien und Programme oft sehr unklar, ob, wann und in welchem Umfang wir damit Erfolge erzielen können.

Ein Beispiel: Vom Sozialministerium des Landes/Provinz Buenos Aires bekommen wir 125 Pflegesätze, eine bestimmte Summe pro Kind und Monat. Seit März 2014 und bis einschließlich Juni 2016 waren das $ 750 - etwa 44 Euros. Ab Juli wurde dieser Pflegesatz um 25 Prozent erhöht auf $ 937,50 ungefähr 55 Euros. Die Angaben zur Inflation in Argentinien variieren, aber für 2015 werden 44 Prozent angegeben und für 2016 mit einer Inflation um die 40 Prozent gerechnet - da sind diese 25 Prozent Erhöhung eher symbolisch. Aber schon wurde uns in Gesprächen mit den zuständigen Vertretern im Sozialministerium bedeutet, dass für das laufende Jahr und vor Mitte nächsten Jahres keine weitere Erhöhung vorgesehen sei - dann vielleicht 15 Prozent…

Ende März kündigte Präsident Macri einen Plan zur Schaffung von 4000 Einrichtungen für Kinder bis 4 Jahren an. Sobald Klarheit über die zuständige Stelle und die erforderlichen Unterlagen bestand, haben wir uns für dieses Programm beworben… Falls wir damit Erfolg haben sollten, würde das einen zusätzlichen Betrag von $ 350,- pro Kind und Monat bedeuten - knapp 21 Euros - und eine Menge zusätzlicher Anforderungen (spezielle Abrechnungen, Einzelinformationen über jedes Kind) - kein besonders verlockendes Verhältnis zwischen dem fast lächerlich niedrigen Betrag und der Mehrarbeit - aber immerhin eine zusätzliche Finanzquelle. Bisher allerdings sind wir ohne Nachricht über unsere Bewerbung.

Ein weiteres Ziel, das wir hartnäckig verfolgen, ist die endliche Bewilligung einer Bezuschussung der Erzieherinnengehälter des Kindergartenbereiches (gilt nicht für den Krippenbereich) zu hundert Prozent. Letztes Jahr erreichten wir die Anhebung von 60 auf 80 Prozent - aber immer noch müssen wir rund 3.000 Euros monatlich aus anderen Quellen auftreiben, so viel betragen die fehlenden 20 Prozent.

Und wir beteiligen uns an mehreren Foren und Netzwerken, denn erstens brauchen wir uns gegenseitig und zweitens können wir gemeinsam mit anderen Einrichtungen (hoffentlich!) mehr Einfluss ausüben.

An dieser Stelle möchte ich zum Ausdruck bringen, wie immens schwierig es für mich war diesen Brief zu formulieren - unsere gegenwärtige Realität setzt sich zusammen aus konkreten drängenden Schwierigkeiten begleitet von dem bedrückenden Klima, das herrührt von der durch die Umstände immer wieder bestätigte Tatsache, dass die gegenwärtige Regierung die Bevölkerungsgruppe, mit der wir arbeiten, nicht als schützenswert betrachtet - ungeachtet anders lautender verbaler Bekundungen.

Weil wir unser Engagement für die Kinder und ihre Familien als Zeugnis unseres christlichen Glaubens verstehen, bitten wir jede und jeden von Ihnen: Bleiben Sie in diesen oft so unverständlichen und schwierigen Zeiten mit bei uns, helfen Sie damit es bei uns weitergehen kann.

Bei Ihnen allen hat vor mehr oder weniger kurzer Zeit das neue Schuljahr begonnen. Dazu wünschen wir noch allen Kindern, Eltern und Lehrenden Fröhlichkeit, Kraft und Gottes Begleitung in den Wechselfällen des Alltags!

Mit ganz herzlichen Grüßen aus Quilmes

Ihre Claudia Lohff-Blatezky

13.658 Entlassungen im Monat August

Entlassungen ohne Ende

Der Monat August brachte erneut Entlassungen von Seiten des Staates. Die Intensität der Zerstörung des Arbeitsmarktes seit Regierungsantritt der Koalition “Cambiemos” ist ungebrochen.

Für den Verlust an Arbeitsstellen ist keine Bremse in Sicht. Im Monat August wurden zusätzlich weitere 13.658 Personen entlassen oder mussten Zwangsurlaub (in Argentinien unbezahlt!) hinnehmen. Diese Zahl zeigt, dass die Größenordnung, in der sich die Zerstörung von Arbeitsplätzen bewegt, unverändert hoch ist. Im Juni gab es 11.721 Fälle, im Juli 15.137 und im August kamen diese 13.658 dazu. “Diese Entwicklung macht deutlich, dass das Abkommen von Präsident Macri mit den Arbeitgebern eine Farce ist” erklärt das Centro de Economía Politica Argentina (CEPA - Zentrum für politische Ökonomie Argentinien http://centrocepa.com.ar), das diese Daten erhebt: Unabhängig von dem Abkommen, das in der Theorie von Mai bis Juli 90 Tage ohne Entlassungen vorsah, blieb der Monatsdurchschnitt der Anzahl von Entlassungen unverändert. Dazu kommt, dass im Monat August auch der Staat als Arbeitgeber wieder Entlassungen verfügte.

“Im Juli waren die Entlassungen im Bereich öffentliche Dienste unbedeutend, aber im August sind sie wieder angestiegen, sowohl im Bereich der Bundeseinrichtungen als auch in den Provinzen”, so Hernán Letcher, Direktor des CEPA.

CEPA verfolgt die Entwicklung der Arbeitsmarktlage Monat für Monat. Seit der Regierungsübernahme am 10.Dezember 2015, summieren Entlassungen und Zwangsbeurlaubungen 208.000 Fälle. Diese Zahl verteilt sich zu 66,07 Prozent ( 137.483 Betroffene) auf den privaten Sektor, und zu 33,93 Prozent ( 70.597 Fälle) auf staatliche Angestellte.

“Weit entfernt davon, den für die zweite Jahreshälfte immer wieder beschworenen Aufschwung zu dokumentieren, zeigt die neue Entlassungswelle im Bereich der staatlichen Stellen zusammen mit dem unveränderten Umfang des Arbeitsplätzeabbaus im privaten Sektor nur, dass sich die in den ersten 7 Monaten der neuen Regierung beobachteten Tendenzen vertiefen”, unterstreichen die Wissenschaftler.

Verlauf. Wir erinnern uns: Startsignal für den Arbeitsplätzeabbau war die Entscheidung Präsident Macris, im Bereich der öffentlichen Verwaltung massive Entlassungen durchzuführen. Mit dem Argument, die Behörden von “fiktiven Stellen” oder von nicht sachlich, sondern parteipolitisch motivierten Stellen zu säubern (und auf diese Weise einen “ aufgeblähten Apparat auf die angemessene Größe zu dimensionieren”), wurden während der Sommermonate Dezember bis Februar mehr als 60.000 MitarbeiterInnen auf die Straße gesetzt. Aber schon im Monat März übertraf die Zahl der Entlassungen im privaten Sektor die im Bereich der öffentlichen Dienste. In den folgenden Monaten nahm diese Zahl immer mehr zu: von einem Anteil von 56,84 Prozent im März stieg sie auf 61,22 Prozent im April, 61,83 Prozent im Mai, 62,96 Prozent im Juni, 65,34 im Juli und 66,07 Prozent im August. Die Entlassungen aus staatlichen Anstellungen (auf Bundes,- Provinz- und Kommunalebene) “verminderten” sich in diesem Zeitraum von 43,16 Prozent im März auf 33,93 Prozent im August. Allerdings verzeichnete dieser letzte Monat einen erneuten Anstieg der Entlassungen aus staatlichen anstellungen: Im Juli waren es “nur” 988, im August dafür 3.205.

In welchen Bereichen wurden staatlich Angestellte im August entlassen? Auf Bundesebene sind 200 Entlassungen im Erziehungsministerium hervorzuheben und weitere 250 im Call Center des Energieministeriums. Außerdem wurden 800 Plätze (= Forschungsprojekte) im Conicet (http://www.conicet.gov.ar) ausgesetzt, der wichtigsten staatlichen Einrichtung zur Förderung der Wissenschaft und Technologie, obwohl die entsprechenden Bewerbungsverfahren erfolgreich abgeschlossen worden waren. In den Provinzen gab es Entlassungen bei staatlichen Angestellten in Córdoba, den Verantwortlichen für kulturelle Workshops in Tierra del Fuego und bei den Verantwortlichen für Fortbildungen im Bereich Erziehung in Jujuy. Auch die Stelle für Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Menschenhandel in Córdoba und das Pädiatrie-Krankenhaus in der Provinz Chaco waren betroffen.

Bereich Industrie. Die textilverarbeitende Industrie hatte einen weiteren schwierigen Monat. Als Konsequenz der Öffnung für Importationen ging die einheimische Produktion weiter zurück, was zu mehr als 1.100 Fällen von Zwangsurlaub führte. Die grosse Firma Alpargatas verfügte Zwangsurlaub für 150 Beschäftigte in der Fabrik in Florencio Varela, die Firma Karavell tat dasselbe in der Stadt Mercedes. Die Zahl der dokumentierten Entlassungen betrug 124, aber die reale Zahl dürfte höher sein, da bei diesem Industriezweig der Umfang der “schwarz” Beschäftigten sehr hoch ist. Auch die metallverarbeitende Industrie und der Autobau waren betroffen, unter anderem gab es Zwangsurlaub bei Ford, Volkswagen und FIAT, bei Renault Entlassungen. Die Firmen, die Haushaltselektrik und elektronische Artikel herstellen, wurden am stärksten von Entlassungen betroffen - über 800 - was die Konsequenzen der Rückgangs des internen Konsums deutlich macht.

Bereich Einzelhandel und Dienstleistungen. Aus dem gleichen Grund - Rückgang der Kaufkraft der Konsumenten - ist im Bereich Einzelhandel und Dienstleistungen die größte Einbuße an Arbeitsstellen zu verzeichnen. Der Umfang der Entlassungen war allerdings deutlich geringer als im Vormonat.

Laura Vales

Página12 del 15. September 2016

Kindertagesstätte “Los Angelitos” - Kindertagesstätte “El Arca de los Niños”

Quilmes, im Januar 2016

Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet - Jesaja 66,13

Liebe Freundinnen und Freunde unserer Kindertagesstätten!

Mit der Jahreslosung für 2016 möchten wir Sie alle ganz herzlich aus Quilmes grüßen.
Das Begleiten, Trösten, Beruhigen, Aufhelfen, Mutmachen bei kleineren und größeren Schmerzen, Kümmernissen, Problemen und Ängsten ist ja aus unserem Alltag mit den Kindern, aber auch ihren Eltern nicht wegzudenken. So sehr, dass wir manchmal innehalten und bewusst als Team daran arbeiten müssen, dass wir sensibel bleiben und doch mit unseren Kräften haushalten.

Und gleichzeitig befinden wir uns mitten in einer Phase, wo wir selbst uns nach Trost und Mutmachen sehnen, nach jemandem, der uns sagt "alles wird gut!". Denn angesichts des Regierungswechsels auf allen Ebenen ist noch völlig ungewiss, inwieweit die staatlichen Programme, aus denen wir seit vielen Jahren Unterstützung erhalten haben, weiter geführt werden, in welcher Weise und ab wann, wenn ja, die Zahlungen wieder aufgenommen werden.

Mehr noch: Seit der Regierungswechsel am 10. Dezember stattgefunden hat, geschehen pasusenlos auf allen Ebenen Dinge, die uns in vielfacher Weise beängstigen: Ein Präsident, der alle möglichen tiefgreifenden Veränderungen im Bereich Finanzen, Verwaltung, Kultur, Soziales mittels Dringlichkeitsverordnungen entscheidet – um damit das Parlament zu umgehen; Massenentlassungen mit der Begründung, es handle sich um lauter fiktive Stellen – jeder Tag ist voll von Nachrichten, die insbesondere für die ärmeren Teile der Bevölkerung den Abbau von Rechten bedeuten. Allein die Abwertung der argentinischen Währung hat die Kaufkraft von einem Tag auf den anderen um mehr als vierzig Prozent vermindert – auch wenn der Peso im Verhältnis zum Dollar über Jahre künstlich zu hoch eingestuft und eine Abwertung früher oder später notwendig wurde, so übergangslos durchgeführt, kann sie nur zu einer massiven Verbreiterung und Vertiefung des Grabens zwischen Arm und Reich führen.

„Rückkehr zum Neoliberalismus der 90er Jahre“ sagen die einen. „Schluss mit der Korruption, die den Staat Milliarden gekostet hat“ sagen die Anhänger der neuen Regierung.

Tatsache ist, dass die Entscheidungsträger in den verschiedenen Ministerien ganz überwiegend aus den Führungsetagen der großen Wirtschaftsblöcke und Unternehmen stammen – und mehr als eine/r Verfahren wegen Wirtschaftsvergehen anhängig hat. Tatsache ist, dass die Wahlkampfparolen, die vom „Verändern des autoritären Stils“ der vorherigen Regierung sprachen, von den im Eiltempo verordneten Veränderungen – per Dekret, nicht durch Gesetzesnovellen – innerhalb der ersten 25 Tage bereits als Seifenblasen zum Wählerfang entlarvt worden sind. Denn ein noch autoritärer Stil als die gegenwärtig nur so herunterprasselnden einschneidenden Entscheidungen ist kaum vorstellbar. Die offizielle Eröffnung des Parlaments findet erst im März statt. Mit meiner deutschen Ausbildung im öffentlichen Recht erinnert mich das Regieren per Präsidentenerlass bedenklich an das Ende der Weimarer Republik... und es gibt keinen Zweifel, dass die Regierung soviel wie möglich "Fakten" unter Umgehung des Parlaments schaffen will. Passen die in den letzten Jahren korrekt vom Parlament verabschiedeten Gesetze der neuen Regierung nicht – schnipp, ein Dringlichkeitserlass und „das Problem“ ist aus dem Weg geräumt.

Unter dem Motto: "die vorherige Regierung war durch und durch korrupt und hat auf Staatskosten Tausende von Personen besoldet die gar nichts arbeiteten" sind seit Jahresbeginn viele tausend Staatsangestellten auf allen Ebenen – Bund, Land, Kommunalverwaltungen - entlassen worden, darunter auch Schwangere und Behinderte (beides gesetzeswidrig). Zum Teil wurde von den Angestellten verlangt, sie hätten in Gegenwart ihrer neuen Vorgesetzten ihre privaten Facebook Accounts zu öffnen, um ihre politische Einstellung zu überprüfen. Nicht wenige Personen aus meinem persönlichen Umkreis haben in den letzten Tagen ihren Facebook Namen geändert... Allein in Quilmes sind mindestens 1000 Personen entlassen worden, darunter auch Sozialarbeiter/innen aus dem Programm mit dem wir zusammen arbeiten, aber z.B. auch Totengräber des städtischen Friedhofs von denen wir positiv wissen, dass sie ihre Arbeit tun und nicht etwa nur Namen auf einer Gehaltsliste waren. In der Provinzhauptstadt La Plata schoss die Polizei bei einer Demonstration gegen die Massenentlassungen mit Gummikugeln auf die Demonstranten und verletzte viele Menschen... Bemerkenswert auch, dass die neue Regierung ein neues „Ministerium für Sicherheit“ geschaffen hat und schon am 18. Dezember davon sprach, ein „Protokoll zum Eingreifen bei sozialen Protesten“ zu erstellen.

Ganz besonders beunruhigend ist die massive Disziplinierung der Medien. Stück für Stück werden Fernseh- und Radioprogramme, die mit der vorherigen Regierung sympathisierten, geschlossen. Zeitungen, Radio- und Fernsehanstalten hängen von der Werbung ab – und daraus wird nun ein Maulkorb.

Dass es den Armen unter dieser Regierung besser gehen wird, ist schwer vorstellbar. Denn die Preiserhöhungen infolge der Abwertung betreffen die am meisten, die am wenigstens haben.

Und auch unsere Arbeit wird nur schwieriger, die Aussichten, die staatliche Finanzierung auszuweiten, sind unter diesen Bedingungen nicht sehr hoffnungsvoll. Dazu kommt, dass wir uns ohnehin im Moment in einem Finanzloch befinden, denn die monatlichen Zahlungen der Landes- und Bundessozialministerien sind erst einmal unterbrochen - und sollen erst wieder aufgenommen werden wenn nachgeprüft worden ist, ob die bezuschussten Einrichtungen auch wirklich bestehen und arbeiten!

Liebe Freundinnen und Freunde, unter solchen Vorzeichen beginnen wir das Jahr ... Wo wird es uns hinführen? Wie kann es bei uns weitergehen? Wir werden es Stück für Stück, Schritt für Schritt in Erfahrung bringen müssen. Aber: Wir vertrauen auf das Mysterium des Glaubens, das die Grenzen der Berechnungen, Analysen und Zahlen überschreitet, gar nicht in diese Koordinaten passt, und sich jeden Tag erneuert. Alles was wir den Kindern und ihren Familien geben können, bekommen wir in vielfacher Weise von ihnen zurück – immer sind wir die Beschenkten, genährt und gestärkt von der Großzügigkeit, mit der sie ihr Leben mit uns teilen.

Ein weiterer Aspekt diese Mysterium sind unsere Beziehungen zu Ihnen – auch sie entziehen sich den rein rationalen Gesetzlichkeiten. Dass wir das Jahr 2015, wie so viele Jahre davor, jeden Tag unsere Türen den Kindern und ihren Familien öffnen konnten, haben Sie ermöglicht, ohne Ihre Unterstützung wäre es einfach nicht möglich gewesen. Dies ist ein guter Moment unseren Dank dafür con todas las letras (mit allen Buchstaben) auszusprechen: Sie sind ein nicht weg zu denkender Pfeiler unserer Arbeit! Darum hoffen wir darauf, dass Sie diesen Weg auch im eben begonnenen Jahr 2016 mit uns gehen werden und manchmal das Trostwort für uns haben, nach dem wir uns wie in der Jahreslosung sehnen. Nur dank des Geflechts unserer Beziehungen und Ihrer Unterstützung kann es bei uns weitergehen, das war noch nie so offensichtlich wie angesichts dieses neuen Szenariums.

Wie von einer Mutter getröstet zu werden und so durch das Jahr zu gehen – das wünschen wir Ihnen und uns.

In herzlicher Verbundenheit

Ihre Claudia Lohff-Blatezky

Guter Kontakt zur Kindertagesstätte in Quilmes

Quilmes ist ein "Vorort" im Süden der Millionenmetropole Buenos Aires. Mehr als 400.000 Menschen leben hier. Die kleine deutsch-evangelische Gemeinde in Quilmes hat angesichts der Not der ärmsten Familien im benachbarten Slumgebiet ihr ehemaliges Gemeindehaus umgewidmet zu einer KiTa für ca. 120 Kinder.

Die Leiterin, Claudia Lohff-Blatezky, war schon mehrfach bei uns und hat immer wieder von der aktuellen Situation erzählt. In der Adventszeit erreichen uns "Briefe auf dem Weg zur Krippe", zu Ostern oder Pfingsten oder zum Gemeindefest kommen Grüße von dort per Email.  

Wir sind dankbar für diesen Kontakt und empfinden ihn keineswegs nur als Einbahnstraße einer finanziellen Unterstützung. Natürlich ist jeder Euro, den wir dorthin geben können, dort sinnvoll und nötig. Aber wir empfangen auch vieles aus dieser Partnerschaft.

"Wir sind arm, aber wir haben ein Herz füreinander". Allein dieses Zitat aus Quilmes gibt uns immer wieder Grund zum Nachdenken über das, was wirklich wichtig ist.  

Wenn Sie uns helfen wollen, die KiTa in Quilmes zu unterstützen, überweisen Sie Ihre Spende bitte mit dem Stichwort QUILMES auf unser Konto DE98 6415 0020 0000 1531 91 bei der KSK Tübingen. Eine Zuwendungsbestätigung wird Ihnen selbstverständlich zugesandt.

Bilder der Kindertagesstätte Quilmes