In unserer Stephanuskirche gibt es manches zu entdecken!

Im Sonnenuntergang

Herzlich willkommen in der Stephanuskirche und im Stephanuszentrum!

 

Das Zentrum mit Mitarbeiter-Wohnhaus, Kindergarten und Pfarrhaus wurde von Architekt Otto Nussbaum aus Backnang in Jahren 1966 bis 1968 gebaut.

Die Kirche liegt auf einer kleinen Bergnase und ist in zwei Etagen gebaut: im OG der Kirchenraum, im EG sind mehrere Gemeinderäume.

Vor allem durch den fast 37 m hohen weißen Turm ist die Kirche weithin im Ammertal sichtbar. Von außen betrachtet ragt das Kirchendach wie ein mächtiges Schiff mit Bug und Heck in die Höhe. Während über die Ansicht von außen immer wieder gestritten wird, hat sich beim Blick nach innen doch überwiegend die Meinung durchgesetzt, dass hier ein modernes Kleinod gebaut wurde.

 

 

Wir beginnen unsere Entdeckungsreise vor dem Haupteingang der Kirche.
Der gesamte Eingangsbereich der Türen und der beiden Kunstwerke wurde von Ulrich Henn entworfen, der sich als Künstler gerade im Bereich der Kirchen einen Namen gemacht hat weit über Deutschland hinaus.
Wir sehen die Türen aus Stahl und Glas, mit den breiten, aufgesetzten Türgriffen in rostrotem Eisen. Ursprünglicher Farbton der Metallrahmen war ein dunkles Anthrazit, wie es im Bereich der Lichtbänder noch zu sehen ist. Der metallic-blaue Anstrich der Rahmen wurde bei der Renovierung im Jahr 2003 neu als Farbtupfer dazu gesetzt.
Passend zu den Türgriffen die beiden Kunstwerke, aus geschweißten Metallstäben, wie sie im Rohbau verwendet werden: rechts findet sich die Inschrift zum Namenspatron der Kirche mit dem damit verknüpften Gedenken und der Mahnung:

Dass Liebe und hingebender Dienst
mächtiger sind als Hass
dafür stehe
im Gedenken an die Opfer menschlicher Schuld
im zwanzigsten Jahrhundert
diese Kirche als Zeichen
im Namen des ersten Zeugen
der Liebe und des Leidens Jesu Christi
Stephanus

Eingang Kirche mit Dornenkrone links

Links vom Haupteingang ist eine Dornenkrone gestaltet, mit 5 großen, roten Quarzsteinen, die Blutstropfen symbolisierend. Wer sich gedanklich in dieses Geflecht der Dornenkrone vertieft, kann Assoziationen nachgehen an die undurchdringlichen Stacheldraht- und Bunkerbauten des Dritten Reiches – oder ganz anders: durch die flächig belegten Felder auch an ein Fischernetz.

Innenraum - nach Süden ausgerichtet - mit Engelbildern von A.Felger

Wir betreten die Kirche durch den Vorraum und bleiben zunächst im Rückraum stehen, sehen nach vorne, blicken nach oben.
Das weit gespannte Zeltdach ohne Stützpfeiler ist eine bemerkenswerte, besonders schön gelungene Konstruktion. Das Dach liegt lediglich an 3 Seiten auf den tragenden Mauern auf (Osten, Süden und Westen) und wird darüber hinaus an der Nordseite („hinten“) von 7 Stahlträgern gehalten.
Die Lichtbänder ringsum direkt unter dem Zeltdach erwecken den Eindruck, als habe das Dach kaum Gewicht und schwebe leicht.
Wir sehen vorne die verhältnismäßig schmale, 13 m hoch aufragende Stirnwand, die im Dreieckswinkel unter dem Dach abschließt und den höchsten Punkt des Kirchenraums markiert. Auffallend ist, dass die axiale Ausrichtung der Kirche nach Süden abweicht von der alten traditionellen Ausrichtung der Kirchen nach Osten.

Altarraum von der Empore aus betrachtet. Die Zahlensymbolik ist erkennbar.

Die Symbolik der Zahlen ist nicht zufällig: Die Zahlen 3, 4, 7(3+4), 8(4+4) und 12(3x4) finden sich einzeln und verknüpft mehrfach wieder in der Architektur und Gestaltung.
     3 ist die Zahl der Ganzheit: 3 räumliche Dimensionen, Urform der
Familie (Vater, Mutter, Kind), antike Beschreibung der Schöpfung mit Erde – Himmel – Meer (christlich: Erde / Himmel / Hölle). Sie ist die heilige Zahl Gottes (Trinität: Vater, Sohn und Heiliger Geist).
     4 ist die Zahl der Erde mit 4 Himmelsrichtungen und 4 Elementen (Wasser, Feuer, Erde und Luft). Das Paradies wird mit 4 Strömen aus der einen Quelle beschrieben. Der Gottesname JHWH besteht aus 4 Buchstaben (genannt Tetragrammaton). Das Kreuz mit den 4 richtungsweisenden Balken verbindet Himmel und Erde und umschließt die ganze Welt. 4 Evangelien erzählen von Jesus Christus. Mandalas spielen vor allem mit der Zahl 4.
     7 ist vorbiblisch die Zahl der damals bekannten „7 Hauptsterne“ (incl. Sonne und Mond, dazu Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn - die Wochentage sind ihnen zugeordnet). Biblisch: Zahl der Rundung (Schöpfungserzählung mit 7 Tagen und dem 7. als Sabbat, Passahfest dauert 7 Tage, Passionszeit mit 7 Wochen, Ostern bis Pfingsten wieder), und der Erneuerung (Erlassjahr nach 7 Jahren, Jubeljahr nach 7x7 Jahren), Zahl Gottes (7 Augen, 7 Erzengel...) u.v.m.
     8 Menschen überleben nach 1. Mose 7,7 die Sintflut (Noah, seine drei Söhne und ihre 4 Frauen). Ihnen ist das Leben neu geschenkt. Jesus steht am 1. Tag der Woche, also am 8. Tag von den Toten auf, gibt damit neues Leben. So wurde die Zahl 8 oft als Symbol für die Taufe und das darin neu geschenkte Leben gedeutet. Viele Taufkapellen oder Taufsteine sind achteckig.
     12 ist wieder eine Zahl der Vollkommenheit (3x4). Die Zeit wird in 12er-Spannen geteilt: (Mond- und) Sonnenkalender, Monate, Tage mit 2x12 Stunden. 12 Stämme Israels stehen für das ganze Volk, Jesus ruft parallel dazu 12 Jünger in den engsten Kreis.
Augustinus sagt: Warum sind es 12 Apostel? Weil die Erde 4 Teile hat und der Erdkreis durch das Evangelium berufen wurde. 4 Evangelien sind geschrieben, die Welt wird im Namen der Dreifaltigkeit gerufen, damit sich Kirche sammle: 3x4 gibt 12.
Das neue Jerusalem spielt mit der 12. u.v.m.
 
Wir zählen die Ecken der Kirche im Dachbereich und sehen, dass sie in den Wänden und im Dach als Sieben-Eck gebaut ist: Ost-, Süd- und Westseite haben je zwei Ecken, im Norden hat das Dach nur eine Ecke, wobei diese im unteren Bereich durch den Rückraum-Anbau durchbrochen ist und der Boden der Kirche (wie die letzte Stuhlreihe etwa markiert) 8-eckig gedacht werden kann (symmetrisch in der Längsachse, bei ungleicher Seitenlänge).

Altar mit weißem Parament bei einer Hochzeit

Wir gehen nach vorne und schauen uns den Altarbereich näher an:
Es gibt keinen gestalteten Übergang von einem Kirchenschiff zu einem Chor oder Altarraum, keine Apsis wie in den alten Kirchen – die gesamte Kirche ist das Schiff, und doch ist der Altarbereich markiert durch eine Betonstufe, die symmetrisch, achteckig, bei gleicher Seitenlänge die Mitte der Kirche zeigt. Die Stirnwand ist leicht zurückgesetzt, so dass auch hinter der erhöhten Stufe der Kirchenraum sich fortsetzen und runden kann.
Durch die seitlichen Lichtbänder öffnet sich wieder der Raum mit einer Andeutung der Leichtigkeit. So massiv und schwer die Kirche gebaut ist, gebaut sein muss, - dieses Öffnen des Raums zieht sich durch die Architektur wie ein roter Faden.
Das gesamte Ensemble - Altar, Kanzel, Kreuz mit Dornenkrone / Strahlenkranz,  Taufstein und Tauffenster - wurde von Fritz Melis entworfen. Alles ist aus einem Guss entstanden. Holz, Beton, Eisen und Kupfer sind die Rohstoffe, dazu das Glas im Fenster.
 
Der Altar steht frei und lässt nach hinten Raum, so wird im großen Kreis das Abendmahl gefeiert, was als besonders gemeinschaftsstiftend erlebt wird.
In schwerer Eiche, massiv, in der Oberfläche geschnitzt, sehen wir die Tischplatten des Altars und des Taufsteins vor uns. Sie sitzen auf je 4 Eisenfüßen und halten zum Betonsockel Abstand, was wieder den schwebenden Eindruck erweckt. Der Betonsockel beim Altar ist über Eck gedreht, mit 4 Ecken zur achteckigen Altarstufe ins Verhältnis gesetzt.
Der Taufstein ist in seiner Art gehalten wie ein kleiner Bruder des Altars. Die Verbindung der Sakramente Abendmahl und Taufe wird unterstrichen.


Bis 1998 war der Altar nicht in den liturgischen Farben gedeckt, sondern mit zwei weißen schmalen Leinenschals in Kreuzform belegt. Dann wurden Altardecken und Paramente angeschafft. Die Grundidee für den liturgischen Schmuck des Altars sucht wieder den Dialog mit der Architektur: diagonal queren die Altardecken den massiven Tisch und lassen an jeder Seite ein Dreieck über die Kante hängen. Das spiegelt das Dreieck oben an der Spitze der Stirnwand, bei eingeschaltetem Licht besonders deutlich als Licht- und Schattenspiel zu sehen.
Die 7 Altardecken wurden in der Weberei der WFB Tübingen hergestellt (je eines einfarbig in grün, violett, rot und weiß, dazu je eines in Grün- und Violett-Tönen abgestuft, dazu eines in schwarz–grau-silber).
Das überhängende Dreieck zur Gemeinde hin ist überdeckt mit dem eigentlichen Parament. Wir haben 4 mehrfarbige Paramente  in den Grundfarben
     weiß (Christusfestkreise),
     rot (Heiliger Geist und Kirche),
     violett (Stille Zeiten, wie Advent oder Passionszeit) und
     grün (übrige Zeiten). 
Zu Karfreitag oder Totensonntag wird lediglich die Altardecke in schwarz-grau-silber aufgelegt.
Die Paramente sind modern, abstrakt gehalten und wurden in Beratung durch die Kontaktstelle für Paramentik der Landeskirche („Knotenpunkt Backnang“, Sabine Gassen) nach Entwürfen der Künstlerin Sabine Waldmann-Brun von Birgitt Lackner in Seidenstickerei gefertigt.

Tauffenster von Feritz Melis

Das Tauffenster zeigt in der Symbolik der vorherrschenden Farben weiß, rot und blau die Bedeutung und Elemente der Taufe und greift die Zahlensymbolik auf: Je 7 weiße und blaue Strahlen bilden den Kreis, 12 rote Tropfen fallen aus der Mitte „nach unten“:
     Weiß steht für die Gerechtigkeit, die Gott uns in der Taufe zuspricht: Bereits im AT sind die weißen Kleider Zeichen des gerechtfertigten Lebens vor Gott (Jes. 61, 10), reingewaschen von aller Sünde.
     Das Blau des Wassers zur Taufe erinnert sowohl an den reinigenden Charakter des Wassers, als auch an die Sintflutgeschichte (Römer 6: Wir sind mit Christus in den Tod getauft...)
     Rot steht hier nicht für die Blutstropfen der Märtyrer, sondern für den Heiligen Geist Gottes: Zusammen mit dem Blau des Wassers erinnert es an das Jesuswort in der Nikodemusgeschichte zur Taufe (Joh. 3,5:) „Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“

Kanzel mit Symbolen der 4 Evangelisten von Fritz Melis

Die Kanzel, niedrig gehalten mit drei Stufen, zeigt als Brozereliefs zur Gemeinde hin die 4 Symbole der Evangelisten, alle mit Flügeln:  Den Engel des Matthäus, den Löwen des Markus, den Stier des Lukas und den Adler des Johannes.

Das mächtige Kreuz an der Stirnwand trägt – ja was eigentlich? Ist das eine Dornenkrone?
Die Erinnerung an die Dornenkrone wird sowohl durch das sie tragende Kreuz nahe gelegt, als auch durch die enorm scharfen Spitzen - Allerdings zeigt sie sich in auffallend regelmäßiger Strahlenform, ganz anders als das wilde Geflecht am Eingang der Kirche. Sie geht hier deutlich über in den Strahlenkranz, der an die Nachfolge Christi und das treue Leiden der Märtyrer erinnert (griechisch „stephanos“: Kranz, Krone): „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ (Offb. 2,10).
Der Strahlenkranz hat 4x12 Zacken: Einen Kranz ungebrochener Doppelzacken nach innen und außen, wie Schilde, die sich deckend als Kranz legen, dazwischen ein Kranz von axial gebrochenen Doppelzacken.
Wenn wir die Kirche nachher wieder verlassen, können wir oben den Abschluss des Turmes noch anschauen – auch er ist als Krone dargestellt.

Orgel der Firma Eule, Bautzen (1983)

Die Orgel wurde erst im Jahr 1983 eingeweiht und in Dienst genommen. aber seither prägt sie den Kirchenraum entscheidend mit. Sie wurde erbaut von der Firma Eule in Bautzen, damals DDR. Sie hat in 3 Manualen und im Pedal insgesamt 24 Register, dazu zweifach den Tremulant, und beherbergt insgesamt 1670 Pfeifen, 140 aus Holz, die Mehrheit aus Zinn-Blei-Legierungen. Der Prospekt der Orgel, die Gestaltung des Gehäuses, greift die Spitzen des Strahlenkranzes wieder auf, ebenfalls in Kupfer, kaum zu sehen oberhalb der Pfeifen. Sie fügt sich hervorragend ein in die Architektur und hat besonders schöne Klangfarben.
 

 

Unser "Ort der Stille"

Ort der Stille

Beim Fenster nach Westen, unter der Orgelempore, wurde im 40. Jubiläumsjahr 2008 der Ort der Stille eingerichtet, mit dem Kreuz vor dem Fenster, der Gebetsmauer und dem kleinen Kerzentisch. Bei besonderen Andachten wird auch eine Schale mit Wasser installiert.

Ein Kirchenraum-Projektteam hat die mehrfach geäußerten Fragen nach einem Ort der Stille in einem geschützten Bereich unserer Kirche aufgegriffen und in enger Zusammenarbeit mit dem Kirchengemeinderat diesen Raum geschaffen.

Regelmäßig finden seither in der Advents- und Passionszeit oder auch mit sommerlichen Themen Abendandachten statt, gestaltet vom Projektteam.

 

Wir würden uns freuen, wenn dieser virtuelle Rundgang durch unsere Kirche Sie dazu einlädt, unsere Gottesdienste in lebendiger, guter Gemeinschaft mit zu feiern, oder sich einmal still in die tagsüber geöffnete Kirche zu setzen!

 

[Text: Pfr. U. Zeller, zuletzt aktualisiert Juni 2011]