Grüß Gott und herzlich willkommen in der
Evangelischen Stephanusgemeinde Tübingen!

Corona-Virus-Gefährdung zwingt uns zu Absagen.

Alle Gottesdienste, Veranstaltungen, Kreise und Gruppen mussten abgesagt werden.
Die Gemeinderäume sind geschlossen. Nur die Kirche ist für einzelne Besucher*innen geöffnet.
Mehr Informationen lesen Sie auf der Seite "Aktuelles".

Liebe Gemeindeglieder, liebe Leserinnen und Leser!

Der Mond ist aufgegangen...
Abends um 19 Uhr singen wir in dieser Krisenzeit ein Abendlied aus unseren Fenstern. Eine Anregung der Evangelischen Kirche in Deutschland; der Impuls kam von der früheren Ratsvorsitzenden Margot Käsmann.
Sonntags läuten wir ab sofort und bis auf Weiteres - auf Anregung einer Konfirmandin - dazu unsere Glocken (18:57-19 Uhr).

Hier können Sie ein paar Gedanken zu diesem Lied lesen. Und ich wünsche Ihnen, dass die Besinnung Ihnen gut tut!

1. "Der Mond ist aufgegangen, / die güld'nen Sternlein prangen /
am Himmel hell und klar. /
Der Wald steht schwarz und schweiget, / und aus den Wiesen steiget /
der weiße Nebel wunderbar."

Matthias Claudius (1740 - 1815) schrieb 1779 dieses bekannte Abendlied, nach einer persönlichen Krise, ausgelöst durch eine schwere Lungenerkrankung. Er rechnete mit seinem Sterben. Nach überstandener Krankheit entstand dieses Lied.

Eine Abendstimmung malt uns die erste Strophe vor Augen. Der Blick in die Nacht ist zum Staunen und Innehalten. Mond und Sterne stehen für die Weite des Universums. Der schwarze Wald und der Nebel deuten die Geheimnisse der Schöpfung an, die wir nicht immer durchschauen.
Mit dieser Strophe öffnen wir uns vor dem Schöpfer aller Welten, halten am Ende eines Tages inne, staunend,, wie damals Abraham, als er aus der Enge seines Zeltes unter den weiten Sternenhimmel Gottes trat und neu in seinem Vertrauen auf Gott bestärkt wurde.

2. "Wie ist die Welt so stille, / und in der Dämmrung Hülle /
so traulich und so hold /
als eine stille Kammer, / wo ihr des Tages Jammer /
verschlafen und vergessen sollt."

Wenn die Welt zur Ruhe kommt und still wird, dürfen das auch meine Gedanken, meine Ängste und Sorgen, meine Fragen und meine Klagen. Die Nacht darf zur Quelle neuer Kraft werden.
Wenn es uns so geschenkt ist, können wir dankbar sein. Und wenn der Jammer am nächsten Tag nicht geringer ist, hat doch eine gute Nacht ihn unterbrochen, ihm eine Grenze aufgezeigt.
Wir kennen aber auch die andere Erfahrung, dass es durchwachte Nächte gibt, dass der Schlaf uns nicht barmherzig in seine Arme nimmt, dass die Gedanken und Ängste nicht zur Ruhe kommen wollen.
Diese Strophe legt uns nahe, das Eigene loszulassen und uns einzuhüllen, in die Dämmerung, in den Schlaf, in Gottes Dasein.

3."Seht ihr den Mond dort stehen? / Er ist nur halb zu sehen /
und ist doch rund und schön. /
So sind wohl manche Sachen, / die wir getrost belachen /
weil unsre Augen sie nicht sehn."

4. "Wir stolzen Menschenkinder / sind eitel arme Sünder /
und wissen gar nicht viel. /
Wir spinnen Luftgespinste / und suchen viele Künste /
und kommen weiter von dem Ziel."

Die dritte und vierte Strophe erinnern uns an die Grenzen unserer Wahrnehmung und unseres Wissens.
Alles menschliche Können und Verstehen bleibt unvollkommen.
Manchmal belächeln wir tatsächlich eine solche naive Weltsicht. Oft sind wir doch stolz auf unsere Wissenschaften, auf Fortschritte in Technik und Medizin, auf Errungenschaften wie Demokratie und Menschenrecht, und auf vieles mehr. Zu Recht - wir dürfen stolz sein auf vieles, das sich Menschen erarbeitet haben. Nicht auf alles, und nicht unkritisch. Die großen Themen unserer fortschrittsgläubigen Welt werden uns wieder einholen nach der Corona-Krise.
Und plötzlich sind wir in einem "globalen Burnout", der unsere Welt auf den Kopf stellt, der uns zwingt zu Maßnahmen, die unsere Ältesten an Kriegszeiten erinnern. Ein kleines Virus legt die Welt lahm, in nicht vorstellbarem Ausmaß.
Nein, es gibt nicht nur die "eitel armen Sünder", die weiter wegkommen vom Ziel. Es gibt viele, die sich auf das Wesentliche besinnen, die in dieser Krise auch eine Chance sehen und sich in Nächstenliebe engagieren. Wie selbstverständlich arbeiten viele Menschen in den Krankenhäusern, Praxen, Apotheken, Pflegeheimen, in der Versorgung mit Lebensmitteln und bei handwerklichen Notwendigkeiten, bei der Feuerwehr, der Polizei, in den Regierungen in Bund und Ländern und vielen anderen Bereichen.
Firmen stellen ihre Produktion um zugunsten von Schutzkleidung und Atemmasken.

Aber wir müssen uns fragen lassen, ob wir nicht doch "eitel arme Sünder" sind in vielen Bereichen des Lebens. Lange vor Corona hörte ich, dass in den Kliniken vieles nur einmal verwendet und dann weggeworfen wird, auch Scheren oder Pinzetten aus Metall. Sicher könnte vieles sterilisiert und wieder verwendet werden. Gibt es z.B. Möglichkeiten, Einmalhandschuhe oder Schutzkleidung steril zu recyceln? Ich weiß es nicht, das müssen Fachleute beantworten. Eine solche Entwicklung wird nicht in der Krise möglich sein, aber vielleicht danach?
Es gäbe noch weitere Beispiele für unser Leben als "Sünder", als eine Gesellschaft, die das Leben bedrohlich verletzt und gefährdet, die sich gegen Gottes Gebote und gegen die uns gebotene Liebe stellt.
Auch in der politischen Diskussion um Hass und Gewalt, Ausgrenzung und Rassismus jeder Art wird uns das wieder einholen, nach der Krise.

5. "Gott, lass dein Heil uns schauen, / auf nichts Vergänglichs trauen, /
nicht Eitelkeit uns freun; /
lass uns einfältig werden / und vor dir hier auf Erden /
wie Kinder fromm und fröhlich sein."

Das klingt ja nun sowas von... - naiv? doof? un-erwachsen?
Nur dann, wenn wir uns an den alten Begriffen aufhalten.
Eitelkeit? Die sehen wir täglich, wenn sich Leute selbst groß machen und ins Rampenlicht stellen, in der Modewelt, in der Politik, in Leserbriefen der Zeitung oder irgendwelchen anderen Nachrichten. In manchen Unterhaltungssendungen steht die Selbstdarstellung der Promis an erster Stelle.
Heute hören wir von Leuten, die im Internet Zig-Tausende oder gar Millionen "Follower" haben und damit ihr Geld verdienen. Die Selbstinszenierung, die sich mit den sozialen Netzwerken rasant verbreitet hat, hat krankhafte Auswüchse.
Das Wort "Nachfolge" war für uns als Christinnen und Christen ein Wort des Glaubens. Wir haben einen Herrn, dem wir nachfolgen. Bei dem wir uns bergen, der uns kennt, von dem wir Orientierung für unser Tun und Lassen holen.

Lass uns einfältig werden? Nicht so, als hätten wir keine Ahnung von der Realität und dem Geschehen unserer Zeit; nicht so, als würde uns alles gar nichts angehen.
Aber doch in dem Sinn einfältig, dass wir uns von allem, das nach uns greifen will, nicht greifen lassen; dass wir unterscheiden können zwischen den Geistern, die das Evangelium verdunkeln, und dem Heiligen Geist Gottes. Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld...

Wie Kinder fromm und fröhlich sein? Nicht so, als wäre unser Glaube in den Kinderschuhen stecken geblieben, als hätten wir nicht nachgedacht über Zweifel, über Fragen, über die vielfältigen Erfahrungen auch im Glauben.
Aber so, dass wir immer wieder zurückfinden zum frommen, fröhlichen und kindlichen Vertrauen auf den himmlischen Vater, das uns trägt. Ein fröhliches Herz ist eine schöne Gabe Gottes. Es kann uns in Zeiten einer Krise bewahren vor depressiver Verzweiflung und den Blick frei machen für die Not anderer.

6. "Wollst endlich sonder Grämen / aus dieser Welt uns nehmen /
durch einen sanften Tod; /
und wenn du uns genommen, / lass uns in Himmel kommen,
du unser Herr und unser Gott."

Es geht um den Tod. Die Bitte um einen sanften Tod verstehen viele Menschen. Wir möchten nicht gewaltsam sterben, oder in einem Kampf unter Schmerzen, an Leib oder Seele. Es hat ja noch Zeit bis dahin. Matthias Claudius redet den Tod nicht herbei.
Wollst endlich... - nicht endlich im Sinne von "sofort, aber ein bisschen plötzlich". Endlich, am Ende unseres Lebens, wann immer es kommen wird. Wohl denen, die dieses Ende des Lebens, das uns allen nicht erspart bleibt, im Blick haben und verstehen als eine besondere Stunde Gottes mit uns.
"Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden", weiß der 90. Psalm. Die Klugheit, die Weisheit unseres Lebens kennt den Tod und weicht ihm nicht aus. Wer sich im Glauben einübt und sich hineingibt in Gottes Obhut, kann das vertraut und im Vertrauen in der letzten Stunde des Lebens wiederholen.
Und wenn du, du uns genommen, lass uns in Himmel kommen. Gibt es eine schönere Zielvorstellung?
Wir können den Himmel nicht beschreiben. Wenige Texte unserer Bibel reden "Klartext" im modernen Sinn, als hätten wir einen Werbe-Spot. Dass der Himmel Gottes uns offensteht und wir willkommen sind, das verspricht uns Jesusim Glauben an ihn.

7. "So legt euch Schwestern, Brüder, / in Gottes Namen nieder; /
kalt ist der Abendhauch. /
Verschon uns, Gott, mit Strafen / und lass uns ruhig schlafen.
Und unsern kranken Nachbarn auch."

Zugegeben: Hier habe ich die Schwestern ergänzt. Warum das bei der Neuausgabe unseres Gesangbuchs nicht gemacht wurde? Wo es doch so einfach gewesen wäre...

Der kalte Abendhauch knüpft nochmals an die erste Strophe an. Der Tag ist zu Ende. Wohl denen, die eine Heimat haben, ein Zuhause bei geliebten Menschen, ein Bett. Wir denken an alle, die sich danach sehnen. An den Grenzen Griechenlands, auf den Meeren, auf der Flucht, in den Zeltlagern. Millionen Menschen haben nicht, was wir hier als selbstverständlich kennen.
Wir denken an alle, die jetzt nicht wissen, wie sie Strom, Wasser, Heizung bezahlen sollen. Finanzielle Engpässe, existentielle Sorgen. Was bleibt übrig nach der Krise?

Verschon uns Gott mit Strafen. Manche haben damit ihre liebe Mühe.
Ich verstehe es so, dass sich diese Bitte an die Barmherzigkeit Gottes richtet. Wie befreiend und entlastend ist es, den Tag in Gottes Güte und Barmherzigkeit zu legen; eine ruhige, erholsame Nacht braucht den Frieden mit dem zu Ende gehenden Tag.
Las uns ruhig schlafen - ja, und wir vergessen nicht den kranken Nachbarn. Davon gibt es jetzt viel zu viele. Menschen, die wir kennen, um die wir uns sorgen; Menschen, die wir in den Krankenhäusern wissen, ohne sie zu kennen; Menschen, die in der Angst vor Ansteckung leben.

"So legt euch..." - das ist die Sprache des Segens. Seid gesegnet für diese Nacht. Und nicht nur du und ihr, sondern alle, die sich danach sehnen und es brauchen für Leib und Seele.

Dieses Lied hat sicher auch deshalb die Herzen vieler Menschen berührt, weil es von einer tiefen Geborgenheit bei Gott erzählt, ohne billig naiv oder sentimental zu werden. Schlichte Bilder, die uns aber zum Nachdenken bringen. Wir sind so schnell nicht fertig im Nachdenken zu den Strophen 3 und 4.

Das Lied besingt die schlichte Wahrheit unseres Glaubens: Bei Gott sind wir geborgen.

Diese Geborgenheit wünschen wir Ihnen allen!
Den Gesunden, die gerne arbeiten würden und nicht dürfen.
Denen, die finanziell in Notlage kommen durch die Schließung ihrer Läden, durch Kurzarbeit oder Kündigung.
Allen Kranken, denen es - weniger oder mehr - schlecht ergeht, die Hilfe brauchen und Hoffnung auf Heilung.
Denen, die andere versorgen, pflegen, heilen, so gut es geht.
Denen, die sterben, weil ihnen nicht mehr geholfen werden kann.
Denen, die unter dem Druck eigener Aggressionen andere verletzen, besonders in den Familien.
Denen, die entscheiden müssen, Tag für Tag, was für uns und diese Welt gut ist.
Denen, die sich angesprochen wissen von diesem Lied.
Und allen anderen auch.
Aller Welt.

Bleiben Sie behütet auf Ihren Wegen, in Ihren Wohnungen und Häusern,
in Ihren Gedanken und Ängsten, Hoffnungen und Gebeten!

Mit herzlichen Segenswünschen,
Ihr Pfarrer Ulrich Zeller

Gebet der Woche

Heiliger Gott,
barmherziger Vater in Jesus Christus,

wir kommen zu dir, weil wir dir vertrauen.
Die Welt ist in Angst und Aufruhr, die erzwungene Stille ein Zeichen unserer Grenzen.

Wir bitten dich um deinen Segen für deine geliebte Welt,
um heilende Kräfte für die Kranken,
um Kraft und Besonnenheit für alle, die medizinisch und auf andere Weise helfen,
um wache Sinne, damit wir sehen, wo wir gebraucht werden.

Wir bitten dich für alle, die sterben, an der akuten Epidemie oder aus anderen Gründen.
Begleite sie, nimm sie in deine Obhut, lass sie nicht verloren gehen.
Sei den Traurigen nahe mit deinem Trost.

Wir bitten um Weisheit und den Zusammenhalt für alle, die Entscheidungen treffen müssen,
Lass uns hier und überall auf der Welt zusammenstehen,
den Armen Gerechtigkeit geben,
die Gleichgültigen erinnern,
die Mutigen stärken,
die Einsamen begleiten,
uns selbst
und alle anderen dir anbefehlen. 

Amen.

Veranstaltungen

  • Meldungen aus der Landeskirche

  • 30.03.20 | Diakoneo sucht freiwillige Helfer

    Die Kliniken des Sozialträgers Diakoneo suchen Ärzte, Pflegekräfte und Medizinstudenten als Freiwillige. Wegen der steigenden Zahl von Corona-Infizierten brauche man in den Krankenhäusern in Schwäbisch Hall, Nürnberg, Ansbach, Schwabach und Neuendettelsau Verstärkung, teilte Diakoneo am Montag mit.

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  • 29.03.20 | Corona: Kretschmann dankt den Kirchen

    Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat den Kirchen und Religionsgemeinschaften in der Corona-Krise für ihren „unschätzbaren Beitrag zu unserem gesellschaftlichen Zusammenhalt“ gedankt.

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  • 27.03.20 | Vom Schreiner zum Oberkirchenrat

    Er war bis zum Ruhestand 15 Jahre lang Theologischer Dezernent der Landeskirche und zuvor ebenfalls 15 Jahre lang Dozent und Professor an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd: Am 30. März begeht Dr. Hartmut Jetter in Stuttgart seinen 90. Geburtstag.

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